Briséfächer (Überraschungs- oder Surprisefächer)
England, um 1790

 

Stäbe: 32+2; Elfenbein, gesägt, geschnitzt; Gouachemalerei; Auge mit Diamantrosen
Maße: L. ca. 21 cm

 

Ungewöhnlicher Fächer mit Doppelbild; auf französisch auch „éventail à double entente“. Der Trick besteht darin, dass sich der Fächer durch eine bestimmte Fädelung des Bandes nach beiden Seiten öffnen lässt. Im Bereich des Bildes überlappen die Stäbe jeweils zur Hälfte, sodass auf Vorder- und Rückseite insgesamt vier verschiedene Darstellungen aufgemalt werden können. Seltsamerweise wurde dieser Fächer nur einseitig gestaltet. Öffnet man ihn gewöhnlich von links nach rechts, ist eine sitzende Dame mit rotem Mantel inmitten idyllischer Landschaft zu sehen, die ein Lamm mit einem Blumenkranz schmückt. Beim Öffnen des Fächers in die „falsche“ Richtung wird der Blick wiederum auf die Dame gelenkt, die offenbar den Mantel abgelegt hat und nun auf einen Liebesaltar mit zwei schnäbelnden Tauben deutet. Diese beiden allegorischen Darstellungen nach Angelica Kauffmann (1741-1807) können vielleicht als Anspielung auf die Unschuld (Veranschaulichung durch das Lamm) im Gegensatz zur verlorenen Unschuld gesehen werden, die in den turtelnden Tauben als Symbol der Wollust zum Ausdruck kommt. Die oben abgerundeten Elfenbeinstäbe wurden mit feinen Sägearbeiten sowie jeweils einer geschnitzten Putte auf den Deckstäben versehen. Eine Blüte aus je sieben Diamantrosen bildet das Auge. Die Gemälde der Schweizer Künstlerin Angelica Kauffmann waren in dieser Zeit so beliebt, dass sie auf vielen Gebrauchsgegenständen nachgeahmt oder sogar originalgetreu übernommen wurden.  Die Tatsache, dass die weibliche Figur bei genauerem Hinsehen die Gesichtszüge der Kauffmann aufweist und eine auf beiden Bildern sichtbare, schwer zu entziffernde Signatur «MK» (?) vorhanden ist, lässt eventuell die Spekulation zu, dass die Künstlerin selbst den Fächer bemalt haben könnte. Sie arbeitete zur Entstehungszeit des Fächers unter anderem in England; bekannt ist auch, dass sie in ihre Bilder häufig Selbstportraits einfließen ließ und weiblichen Figuren ihre eigenen Gesichtszüge verlieh.

 

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