Kurzer
Streifzug durch die Geschichte des Fächers
Wann und wo der
erste Fächer entstand, lässt sich heute nicht mehr genau sagen. Dass
dies aber sehr weit zurückliegt ist bekannt, denn ein goldener Wedel
mit Federn wurde sogar im jahrtausend alten Grab des Tutanchamun (1350
v. Chr.) gefunden. In früheren Zeiten kamen auch Palmblätter und
andere Naturmaterialien zum Einsatz, um sich Frischluft zuzufächeln und
Insekten zu vertreiben.
Der
faltbare Fächer, wie wir ihn heute im Allgemeinen kennen, gelangte im
16. Jahrhundert durch den portugiesischen Handel mit Ostasien nach
Europa. Dieser Faltfächer bestand aus einer unterschiedlichen Anzahl
von Stäben, welche unten eng von einem Dorn und oben breiter von einem
gefalteten Blatt zusammengehalten wurden. Der sog. Briséfächer
hingegen besaß kein Blatt, sondern nur breite Stäbe - diese waren
durch ein Band miteinander zu einem Fächer verbunden.
Von Portugal aus gelangte der Fächer über Spanien und Italien in die
übrigen europäischen Länder. Wegen der großen Nachfrage, die durch
den Import allein nicht gedeckt werden konnte, entwickelte sich in
Europa bald auch eine eigene Produktion, die im 17. und 18. Jahrhundert
auf Hochtouren lief. »Fächermacher« wurde zu einem anerkannten
Kunsthandwerksberuf; allein in Frankreich, einem der Hauptzentren der
Fächerproduktion, gab es Mitte des 18. Jahrhunderts mehr als 150 davon.
Das 18. Jahrhundert, vor allem das Zeitalter des Rokoko, war die große
Blütezeit des Fächers. Die Stäbe wurden aus sehr kostbaren
Materialien wie Elfenbein, Perlmutt oder Schildpatt mit Gold- und
Silberauflagen, Schnitzereien oder sogar Edelsteinen gefertigt. Das
Blatt aus Papier, Schwanenhaut oder Seide wurde zunächst überwiegend
mit Szenen aus der Bibel oder der antiken Mythologie, später vermehrt
mit heiteren Genre-Motiven in idealisierter Natur bemalt. Fächer
erreichten einen sehr hohen Stellenwert als Statussymbol und waren bald
als wichtiges Mode-Accessoire nicht mehr wegzudenken.
Sie
sorgten nicht nur für Frischluft in stickigen Spiegelsälen, sondern
wurden mehr und mehr auch zur koketten Spielerei. So gab es
Trickfächer, die, je nach dem in welche Richtung man sie öffnete,
unterschiedliche Szenen zeigten. Auch Thermometer, versteckte Spiegel
oder Hebel für spezielle amüsante Mechanismen fanden sich häufig in
den zwei äußeren Deckstäben der Fächer. Es entwickelte sich
sogar eine eigene Fächersprache, mit der sich die Dame durch bestimmte
Gesten ohne Worte mit ihrem Verehrer verständigen konnte.
Zur
Zeit der französischen Revolution, in der Luxusgegenstände kaum noch
gefragt waren, übernahmen einfache, bedruckte Fächer aus Holz und
Papier die Rolle eines Übermittlers des aktuellen Tagesgeschehens und
politischer Statements. Im Empire und Biedermeier kamen äußerst
zierliche, der damaligen Mode entsprechende Fächer aus fein
durchbrochenem Horn oder Bein auf den Markt, wobei das Blatt zumeist mit
schillernden Pailletten bestickt war.
Mitte
des 19. Jahrhunderts erlebte der Fächer eine erneute Blüte. Vor allem
auf den persönlichen Geschmack der modisch tonangebenden französischen
Kaiserin Eugénie (1826-1920) ist es zurückzuführen, dass für die
Mode eine Rückorientierung auf das 18. Jahrhundert stattfand, was sich
spezifisch auf das Dekor von Fächerblättern auswirkte. Berühmte
Pariser Fächermanufakturen wie Duvelleroy oder Alexandre, die eigene Fächermaler
beschäftigten, waren marktbeherrschend und lieferten ihre Erzeugnisse
in alle Länder Europas.
Seit dem späten 18. Jahrhundert wurden wegen der großen Nachfrage und
dem Verlangen nach Chinoiserien und Japonismus verstärkt Fächer aus
dem chinesischen Kanton nach Europa eingeführt. Neben feinst
geschnitzten Elfenbeinfächern waren besonders die sogenannten »Mandarinfächer«
oder »Fächer mit hundert Gesichtern« um 1850 ein regelrechter
Exportschlager. Sie zeichneten sich durch unzählige Figuren mit
winzigen, applizierten Elfenbein-Gesichtern und Seidenkleidern aus.
Ab den 1860er/70er Jahren diente vermehrt teure,
handgearbeitete Spitze als Blatt für Gestelle aus Perlmutt, Schildpatt,
Elfenbein oder Ebenholz. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bildete Spitze
meist nur noch die Randeinfassung extrem großer Fächer aus bemalter
Gaze. Auch
Fächer aus bunten, exotischen Federn von Straußen, Pfauen und
Paradiesvögeln wurden immer beliebter.
Um die Jahrhundertwende waren wieder handlichere Fächer gefragt. Die »Belle
Epoque« (ca. 1890-1914) brachte qualitativ hochwertige Stücke mit süßlich
verklärten Sujets hervor. Oft verbinden sich in dieser Zeit Motive des
Rokoko mit der neuen floralen Formensprache des Jugendstils zu sehr
reizvollen Kombinationen.
Der technische Fortschritt machte allerdings auch vor Fächern nicht
halt: Wertvolle Naturmaterialien wurden ab etwa 1910 immer mehr von
Celluloid und anderen Kunststoffen verdrängt, da diese neuen Stoffe
nunmehr als fortschrittlich und schick galten.
Bis
zum ersten Weltkrieg und der Abschaffung der Monarchie hielt sich der Fächer
noch als wichtiges Modeaccessoire. In den goldenen 20er Jahren, dem sog.
»Art Déco«, fanden sich vereinzelt überdimensionale Fächer mit gefärbten
Straußenfedern auf großen Bällen und Veranstaltungen. Darüber hinaus
diente der Fächer als bunter Werbeträger oder, mit Unterschriften
versehen, als Erinnerung an die Tanzstunde.
Nach dem zweiten Weltkrieg hatte der Fächer endgültig seine Bedeutung
verloren und findet sich heute hauptsächlich als Reiseandenken und
Werbeartikel wieder. Die Faszination der alten Fächersprache und des
vielseitigen, bewundernswerten Kunsthandwerks der Fächermacher zieht
jedoch auch heute noch immer Menschen in ihren Bann.
